Niedrigwasser am Rhein: Recyclingverbände warnen vor Kettenreaktion in der Industrie
Niedrigwasser am Rhein führt zu Logistikengpässen. Verbände warnen vor Kettenreaktionen für die Stahl- und Recyclingwirtschaft.

Der Pegel Kaub am Mittelrhein hat den historischen Tiefstand aus dem Jahr 2018 unterschritten. Aufgrund der kritischen Wasserstände dürfen Binnenschiffe auf betroffenen Strecken aktuell nur noch etwa ein Drittel ihrer üblichen Ladung transportieren. Die Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV), der Verband Deutscher Metallhändler und Recycler (VDM) sowie der bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung warnen, dass diese Entwicklung eine Kettenreaktion in der deutschen Industrie auslösen könnte.
Eingeschränkte Transportkapazitäten belasten die Wirtschaft
Die Einschränkung der Ladekapazität führt zu einem massiven Anstieg des Logistikaufwands. Da für dieselben Gütermengen deutlich mehr Fahrten erforderlich sind, steigen die Kosten pro Tonne erheblich, während gleichzeitig der ohnehin knappe Frachtraum weiter unter Druck gerät. Besonders für die deutsche Stahlindustrie ist die Binnenschifffahrt ein zentraler Transportweg. Laut Wirtschaftsvereinigung Stahl wurden im Jahr 2024 rund 31,6 Prozent der industriellen Massengüter per Schiff transportiert, während 49,3 Prozent auf die Schiene und 19,2 Prozent auf den Lkw entfielen. Die Verbände betonen, dass ein Ausfall dieser Schiffskapazitäten weder kurzfristig durch die Bahn noch durch zusätzliche Lkw-Fahrten vollständig kompensiert werden kann, da bereits jetzt eine starke Konkurrenz zwischen Stahl-, Chemie-, Energie- und Landwirtschaft um die verbleibenden Kapazitäten besteht.
Störung der industriellen Kreislaufwirtschaft
Für die Recyclingwirtschaft hat die Störung des logistischen Flusses direkte Konsequenzen. Ein kontinuierlicher Materialabfluss ist entscheidend für den Betrieb der Anlagen, die Schrotte für die industrielle Wiederverwertung aufbereiten. Stocken die Transporte, drohen Lagerbestände in den Betrieben kritische Grenzen zu erreichen. Diese Störungen wirken sich zudem entlang der gesamten Wertschöpfungskette aus, da Stahlwerke für ihre Produktion auf eine zuverlässige Rohstoffversorgung angewiesen sind. Da die Rohstahlproduktion im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahr bereits um 8,9 Prozent auf 18,6 Millionen Tonnen gestiegen ist, verschärft der wachsende Bedarf an Logistik die aktuelle Situation weiter.
Forderung nach infrastruktureller Resilienz
Die Verbände begrüßen kurzfristige Maßnahmen von Bund und Ländern zur Koordination der Verkehrsträger, fordern jedoch ein Umdenken für die langfristige Infrastrukturplanung. Neben einer besseren Abstimmung von Baustellen und schnelleren Genehmigungsverfahren für Ersatzverkehre sei ein Ausbau der Resilienz erforderlich. Dies umfasst leistungsfähigere Bundeswasserstraßen, den Einsatz niedrigwassergeeigneter Schiffe sowie eine Stärkung des Schienengüterverkehrs und multimodaler Umschlagknoten, um die Versorgungssicherheit für die Industrie dauerhaft zu gewährleisten.