Die europäische Batterieindustrie steht vor einer erheblichen strategischen Herausforderung bei der Rohstoffversorgung. Trotz massiver Investitionen in lokale Batteriefabriken und Speicherlösungen bleibt die vorgelagerte Wertschöpfungskette hochkonzentriert: Nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) entfallen rund 94 Prozent des weltweiten Angebots an verarbeitetem Batteriegraphit auf China. Dies verdeutlicht, dass der bloße Aufbau von Zellfabriken in Europa noch keine echte Unabhängigkeit von externen Lieferketten schafft.
Der Engpass liegt in den komplexen Verarbeitungsschritten zwischen der Graphitförderung und der fertigen Batterieanode. Prozesse wie die Reinigung, Sphäronisierung und Beschichtung des Graphits sind bisher stark in China gebündelt. Die IEA prognostiziert, dass sich diese Marktkonzentration selbst bei einer Diversifizierung des Abbaus nur langsam verringern wird. Um den wachsenden Bedarf durch Elektrofahrzeuge und stationäre Stromspeicher zu decken, ist daher der Zugang zu verarbeiteten Rohstoffen aus politisch stabilen Partnerländern entscheidend.
Kanada hat sich in diesem Kontext als strategischer Partner für die Europäische Union etabliert. Im Juni 2026 bekräftigten beide Seiten im Rahmen eines industriepolitischen Dialogs ihre Absicht, die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette für kritische Rohstoffe, speziell bei Graphit, zu vertiefen. Kanada bietet hierfür eine Kombination aus umfangreichen Lagerstätten, wie etwa den Projekten Lac Knife und Lac Tétépisca, sowie Investitionen in eigene Reinigungstechnologien.
Die ECGA (European Advanced Carbon and Graphite Materials Association) betont in ihrem aktuellen Whitepaper, dass Europa nicht zwangsläufig jedes Gramm Graphit selbst abbauen müsse. Vielmehr sei ein Modell erstrebenswert, bei dem hochwertiges Ausgangsmaterial aus vertrauenswürdigen Partnerländern bezogen und ein größerer Anteil der wertschöpfungsintensiven Reinigung und Weiterverarbeitung innerhalb Europas oder bei engen strategischen Partnern wie Kanada realisiert wird. Dennoch bleiben die ökonomischen Hürden hoch, da westliche Projekte neben technischen Nachweisen auch wettbewerbsfähige Skalierungen und langfristige Abnahmevereinbarungen etablieren müssen, um sich gegenüber etablierten chinesischen Lieferketten zu behaupten.
